Die Bundesregierung kündigt eine Förderung von Startchancen-Kitas an. Anlass für einen Rückblick auf das erste Jahr Startchancen-Programm. Katja Zimmermann, Leiterin des Referats für Bildungsgerechtigkeit im Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz und zuständig für das dortige Startchancen-Programm, erklärt im Interview mit Annika Pohlmann, wie Kitas in herausfordernden Lagen zielgerichtet gefördert werden können, welche Rolle das Startchancen-Programm für Schulen dabei spielt und wieso Kommunen besonders entscheidend sind.
Frau Zimmermann, Sie leiten das Startchancen-Programm in Rheinland-Pfalz im Ministerium für Bildung. Inwiefern haben Sie Einblick in die konkrete Umsetzung des Startchancen-Programms an den Schulen?
Katja Zimmermann: Der Austausch zu den Schulen ist eng. Wir haben die Schulen in der Konzeption des Programms eingebunden, indem wir bereits ein Jahr vor dem Programmstart eine Arbeitsgruppe mit Schulleitungen eingerichtet haben. Unser Vorteil in Rheinland-Pfalz ist sicherlich, dass unser Bundesland nicht besonders groß ist. In kleinen Dienstbesprechungen habe ich alle 200 Schulleitungen persönlich getroffen. Einige von ihnen kenne ich bereits aus anderen Programmen.
Und auch jetzt während der Programmlaufzeit gibt es eine Steuerungsrunde, zu der neben Schulleitungen auch das Pädagogische Landesinstitut sowie die Schulaufsicht gehören. Es ist uns wichtig, nah an den Schulen zu sein, um zu verstehen, wie sie das Programm umsetzen und welche Bedarfe sie haben.
Und wie ist Ihr Eindruck von der Umsetzung nach einem Jahr Startchancen-Programm?
Katja Zimmermann: Es ist toll zu sehen, mit wie viel Tatendrang agiert wird. Die Strukturen haben sich gut aufgebaut. Auch da hatten wir als Verhandlungsland sicherlich einen Vorteil, weil wir frühzeitig wussten, was auf uns zukommt. Inzwischen ist geschultes Personal im Landesinstitut, das die Schulen in Netzwerken betreut. Die Netzwerke sind sehr zentral für die Umsetzung, da die Schulleitungen in ihrem Netzwerk an einem Akademieprogramm teilnehmen.
Natürlich knirscht es an der ein oder anderen Stelle auch immer noch, was bei einem Programm dieser Größe ja nicht verwunderlich ist. Wir haben in Rheinland-Pfalz etwas Ungewöhnliches gewagt und die Schulträger, also die Kommunen, in allen drei Säulen in das Programm mit eingebunden. Da ist zum einen hin und wieder eine gewisse Überforderung spürbar, zumal unsere Kommunen ohnehin viel zu tun haben. Zum anderen zeigt sich aber auch ein unheimlicher Gestaltungswille und an ganz vielen Orten sehen wir eine großartige Zusammenarbeit zwischen Schule, Kommune und Schulaufsicht. Sie setzen sich gemeinsam hin und überlegen, was sie in den nächsten zehn Jahren voranbringen möchten.
An vielen Orten haben sich die Beteiligten zum Beispiel Zeit genommen, um passgenaue Profile für Fachkräfte zu entwickeln, die über Säule III, welche bei uns durch den Schulträger verantwortet wird, eingestellt werden. Wenn ich dann höre, dass ukrainische Psychologinnen eingestellt wurden, um auch auf Kinder aus der Ukraine eingehen zu können, dann sehe ich, dass es sich lohnt, den Prozessen immer auch ein bisschen Zeit zu geben.
Über die Person
Katja Zimmermann leitet seit 2024 das Referat für Bildungsgerechtigkeit im Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz. Sie ist zuständig für das Startchancen-Programm in ihrem Bundesland. Zuvor hat sie bereits mehrere Landesprogramme begleitet, u. a. „S⁴ Schule stärken – Starke Schule“, zur Stärkung von Schulen in herausfordernden Lagen. Foto Credit: Nebucast

Neben der Einbindung der Schulträger haben Sie, in Ergänzung zum Orientierungspapier für das Chancenbudget des Bundes, auch explizit den Einsatz des Chancenbudgets zur „Etablierung von Kooperationsstrukturen“ mit Kindertageseinrichtungen aufgenommen. Wie wird das umgesetzt?
Katja Zimmermann: Wir wissen, dass Bildung nicht mit dem Eintritt in die Schule beginnt, sondern dass der frühkindliche Bereich ganz essenziell ist. Deshalb ist die Kooperation zwischen Schulen und Kitas grundsätzlich in den Kita- und Schulgesetzen vorgeschrieben. Schulen und Kitas sind somit bereits im Austausch. Im Rahmen des Einsatzes ihres Chancenbudgets aus dem Startchancen-Programm haben sich einige Schulen viele Gedanken über ihre Kooperation mit Kitas gemacht und intensiv bei mir vorgesprochen, dass sie doch gerne mit dem Chancenbudget Personal in Kitas einstellen möchten, da sie von der Arbeit, die in der Kita geleistet wird, profitieren. Formal können mit den Mitteln aus dem Startchancen-Programm keine Kitas gefördert werden, da es sich um ein schulisches Programm handelt. Deshalb ist es so wichtig, dass im Koalitionsvertrag eine Förderung von Startchancen-Kitas hinterlegt wurde.
Die Sprachbeauftragten setzen wir nun gezielt an Kitas ein, aus denen Kinder an Startchancen-Schulen gehen. – Katja Zimmermann
Natürlich gab es auch vor dem Startchancen-Programm schon sehr gute Ansätze1, die wir bei uns im Land gut aufeinander abstimmen können, weil der frühkindliche Bereich bei uns mit im Bildungsministerium liegt. Das Startchancen-Programm können wir nun zum Beispiel zum Ausbau einer gezielten Förderung nutzen. Durch die datengestützte Auswahl der Startchancen-Schulen wissen wir, wo Benachteiligung am stärksten ausgeprägt ist. Wir nutzen dieses Wissen beim Einsatz von Sprachbeauftragten, die als zusätzliche Fachkräfte die alltagsintegrierte Sprachförderung in Kitas begleiten. Die Sprachbeauftragten setzen wir nun gezielt an Kitas ein, aus denen Kinder an Startchancen-Schulen gehen.
Um Kooperationsstrukturen dennoch direkt im Rahmen des Startchancen-Programms stärken zu können, haben wir einen Teil des Chancenbudgets ebenfalls an die Kommunen gegeben. Sie wissen am besten, welche Bedarfe vor Ort bestehen und können Gelder im Sozialraum insbesondere für die Übergangsgestaltung von der Kita in die Schule – und auch für spätere Übergänge – einsetzen. Schulen kann es durchaus überlasten, wenn sie sich neben der eigenen Arbeit noch um die Zusammenarbeit mit Kitas kümmern müssen. In vielen Kommunen wurde die Idee, trotz angespannter Personalsituation, gut angenommen und uns wurde bestätigt, dass die Übergangsgestaltung auch für Kommunen ein zentrales Thema ist. Sie kennen die relevanten Player aus dem Sozialraum, die unter anderem auch die Elternarbeit begleiten, und haben diese mit ins Boot geholt. Das sind Player, die im schulischen System oftmals gar nicht so bekannt sind.
Das heißt, die Kommunen können indirekt doch Personal an den Kitas durch Mittel aus dem Startchancen-Programm einsetzen?
Katja Zimmermann: Nein, leider nicht. Das wäre ideal, aber die Mittel aus dem Startchancen-Programm können nicht für Personal an Kitas eingesetzt werden. Das ist natürlich unheimlich schade. Gerade, wenn man sieht, welch tolle Konzepte, weit über die Sprachförderung hinaus, die Schulen mit den Kitas entwickelt haben und man auch schon das passende Personal vor Ort hätte.
Einen Teil des Chancenbudgets geben wir an die Kommunen. (…) Sie kennen die relevanten Player aus dem Sozialraum. – Katja Zimmermann
Sollten im Rahmen einer Startchancen-Förderung für Kitas auch Mittel an die Kommunen fließen?
Katja Zimmermann: Aus unserer Sicht absolut. Es wäre ganz hervorragend, wenn es die Möglichkeit gäbe, Personal so einzustellen, dass es sowohl in Kita als auch in Schule tätig sein kann, sodass die Kinder die Person schon kennen. Solche Ansätze gibt es auch schon im Bereich des Ganztags.
Und mit welchen Ideen kamen die Schulen auf Sie zu?
Katja Zimmermann: Die Ideen decken die ganze Bandbreite des kindlichen Lebens ab. Da gibt es Konzepte zum Bereich Sprache, aber auch der Feinmotorik und der Bewegung ganz allgemein. Neulich hat mich ein Schulleiter darauf angesprochen, wie sinnvoll es wäre, bereits in der Kita über gesunde Ernährung zu sprechen.
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: Ein Schulleiter fordert etwas von einer Kita. Das ist ja durchaus ein kritischer Punkt, der bei der Zusammenarbeit oft Reibung erzeugt. Die Schule fordert von der Kita, die Kinder besser vorzubereiten und die Kita versteht sich explizit nicht als Vorschule. Haben Sie Erfahrung damit, wie man die beiden Bereiche verzahnen kann, ohne die Eigenlogiken auszublenden?
Katja Zimmermann: Solche Debatten erleben wir an jeder Stelle des Bildungssystems, an der ein Übergang erfolgt. Wir wissen, dass es eine hohe Kunst ist, eine gute Überführung der Kinder von der Kita in die Grundschule zu gestalten. Unser Ansatz sind Förderkonzepte, wie beispielsweise „Mit Kindern im Gespräch“, die Kinder aus der Kita schon kennen und in der Grundschule fortgeführt werden; wohl wissend, dass sie in der Schule anders funktionieren als in der Kita. Beide Logiken haben ihre Berechtigung, das Ziel einer gelingenden Sprachförderung eint jedoch beide Bereiche. Außerdem bauen wir das Konzept der Familiengrundschulzentren aus, um Eltern und Kinder beim Übergang gut einzubinden. Es ist wichtig, dass die Eltern sowohl das frühkindliche als auch das schulische System kennenlernen.
Das Ziel ist es, in den Dialog zu kommen und Verständnis für die jeweils andere Seite zu schaffen. Deshalb haben wir im Startchancen-Programm die lokalen Netzwerke eingeführt, in denen Schulen, Schulämter, Jugendämter und eben auch Kitas zusammenkommen, um gemeinsam auf Fragen zu schauen, wie: Wie arbeitet der andere Bereich? Warum können andere Bereiche bestimmte Dinge tun oder vielleicht auch nicht tun? Dadurch wird ein gegenseitiges Verständnis erzeugt, durch das bestimmte Erwartungen dann relativiert werden können. Hier im Kontext des Sozialraums zu arbeiten, in dem alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen, hilft sehr.
Über die Autorin
Annika Pohlmann ist Projektkoordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Expert:innenforum Startchancen. Sie interessiert sich insbesondere für Bildungsungleichheiten im städtischen Kontext. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der Vernetzung zwischen Schulen und Akteur:innen des Sozialraums. Die Sozialwissenschaftlerin absolvierte ihren Master im interdisziplinären Studiengang Urbane Zukunft an der Fachhochschule Potsdam. Zuvor war sie im Bereich der kulturellen Bildung tätig. Foto Credit: Katrin Kliss

Welche Rolle spielen die Kita-Träger in diesen Netzwerken?
Katja Zimmermann: Soweit ich das sehe, gestaltet sich das sehr unterschiedlich, weil es ja eine ganze Bandbreite an Kita-Trägern gibt. Insgesamt läuft es ganz gut an. Die Kita-Träger werden mitgenommen, aber da ist sicherlich auch noch Entwicklungspotenzial. Ich denke wir sollten mit allen Akteuren auf ein gemeinsames Verständnis hinarbeiten, in dem sich alle fragen: Wie können wir Dinge besser aufeinander abstimmen?
Wie kann das umgesetzt werden? Was ist für eine gelingende Förderung von Startchancen-Kitas aus Ihrer Sicht zentral?
Katja Zimmermann: Im Startchancen-Programm haben wir gesehen, dass es letztendlich 16 Programme gibt, die in ihrer Struktur sehr individuell sind. Aus meiner Sicht muss man sich von dem Gedanken lösen, dass man ein Konzept entwickeln kann, das in 16 Bundesländern reibungslos läuft. Alle Bundesländer haben unterschiedliche Herausforderungen, sowohl haushalterischer als auch rechtlicher Art. In Rheinland-Pfalz haben wir bestimmt einen Vorteil, dadurch, dass bei uns der frühkindliche und der schulische Bereich in einem Ministerium liegen und wir bereits eng zusammenarbeiten.
Sie haben nun Erfahrung aus einem Jahr Startchancen-Programm. Was würden Sie den Entscheidungsträger*innen für eine Startchancen-Kita-Förderung gerne mitgeben?
Katja Zimmermann: Bei aller Komplexität, die die Entwicklung einer Förderstruktur mit sich bringt, sollten die Kinder immer im Fokus stehen. Entscheidungsträger*innen sollten passende Rahmenbedingungen schaffen, die ein Programm ermöglichen, das den Kindern zugutekommt.
- Es handelt sich um das Modellprojekt DebÜ (https://kita.rlp.de/kita-in-rheinland-pfalz/bildungs-und-erziehungsthemen/uebergang/modellprojekt-debue) und den Übergangskompass (https://www.hs-koblenz.de/sozialwissenschaften/institute-des-fachbereichs/institut-fuer-bildung-erziehung-und-betreuung-in-der-kindheit-rheinland-pfalz-ibeb/forschung/uebergangskompass) ↩︎
